Friedenslicht-Prosa

Kurzgeschichten und Gedanken rund ums Friedenslicht

Das weit gereiste Licht aus Bethlehem inspiriert immer wieder auch Menschen in der Schweiz, ihre Erfahrungen, Ideen, Gedanken, wahre oder erfundene Kurzgeschichten zur Friedenslicht-Idee prosaisch oder in Versen festzuhalten. Wir danken für jede Zuschrift und teilen unsere Freude gerne auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, mit. Heute stellen wir Ihnen nachfolgende Autoren mit ihren Beiträgen vor.


heinz fischer
Dr. Heinz Fischer, Bundespräsident der Republik Österreich

Ein Grusswort: An die Friedenslicht-Familie

Wir alle wissen, dass Friede nicht "automatisch" entsteht, sondern dass man sich - in der Politik genauso wie im privaten Bereich - immer auch dafür einsetzen muss. Der Friede beruht nicht nur auf Einsicht und Vernunft, sondern auch auf Besinnung und Klarheit, Anteilnahme und Solidarität, wie das durch das Friedenslicht zum Ausdruck gebracht wird.

heinz fischer

Das Friedenslicht aus Bethlehem hat in den vergangenen Jahren auch seinen Weg zu mir in die Wiener Hofburg gefunden. Er ist mir immer eine besondere Freude, einige Tage vor Weihnachten Mädchen und Buben kennenzulernen und das Friedenslicht im Rahmen einer feierlichen Übergabe entgegenzunehmen.

Ich wünsche dem "ORF-Friedenslicht aus Bethlehem" noch viel Erfolg und sende allen Leserinnen und Lesern des Jubiläumsbandes "25 Jahre ORF-Friedenslicht - Ein Weihnachtsbrauch geht um die Welt" herzliche Grüsse!

Dr. Heinz Fischer in "25 Jahre ORF-Friedenslicht", Trauner Verlag, 2011

heinz fischer

Wiedergabe der Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung durch die Sprecherin des Bundespräsidenten, österreichische Präsidentschafskanzlei, Dez. 2011



Rosmarie Ziegler
Rosmarie Ziegler-Salzmann, Autorin

Die im Kanton Schwyz wohnhafte Autorin ist 1952 als erstes von vier Kindern zur Welt gekommen. Aufgewachsen ist sie «fern ab vom Trubel inmitten der Natur, wo Fantasie ungestört gedeihen konnte», wie sie selber von sich sagt. Seit über 30 Jahren ist die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen glücklich verheiratet, in der Zwischenzeit auch Schwieger- und Grossmutter geworden. Ihre Träume umschreibt sie so: «Jeden Tag etwas Schönes erleben, jedem Tag ein Lächeln entlocken, jeden Tag mit Hoffnung füllen – Leben! » Sowohl ihr Erstlingswerk, der Gedichtband «In Wolken gehüllte Kostbarkeiten», wie auch das Nachfolgewerk «Ein bunter Strauss mit Kostbarkeiten» sind in der PERSIMPLEX-Verlagsgruppe Wismar (www.persimplex.ch) erschienen.

Eine Kurzgeschichte: Das Friedenslicht

Ein stürmischer Wind wirbelt die Schneeflocken vor dem erleuchteten Fenster wild durcheinander. Manchmal rüttelt eine Böe an dem Haus und lässt die alten Balken stöhnen.

Drinnen, in der warmen Stube, sitzt ein altes Ehepaar wie jeden Abend beisammen. Der Mann hält in seinen verwerkten Händen die Fernbedienung des Fernsehgerätes und schaut aufmerksam die Nachrichten der Tagesschau. Seine Frau strickt mit ihren flinken Händen an einem Sockenpaar. Niemand hat je gezählt, wie viele Socken sie in ihrem Leben schon gestrickt hat. Ohne kaum einmal einen Blick auf die Handarbeit zu werfen, strickt sie unentwegt.

Die Beiden sprechen nicht viel miteinander. Seit bald 50 Jahren sitzen sie nun schon jeden Abend nach der Arbeit zusammen in der Stube. Sie verstehen sich auch ohne viele Worte. Ein Jedes geht seinen eigenen Gedanken nach und ist froh, nicht alleine sein zu müssen. Eine vertraute Gewohnheit. Es ist wie es ist - und es ist gut.

Die Adventszeit ist für die Beiden in diesem Jahr anders als in all den vielen Jahren zuvor. Ja. Als die Kinder noch klein waren, da war es ein lustiges und munteres Treiben. Doch dann wurden die Kinder erwachsen und gingen ihre eigenen Wege. Im Haus wurde es still. Die Beiden lebten mehr oder weniger stumm miteinander in einer vertrauten Monotonie. Doch in diesem Jahr brachen gleich zwei Schicksalsschläge in ihre Welt ein und brachten die Macht der Gewohnheit ganz schön ins Wanken. Zuerst verstarb ganz unerwartet einer ihrer Söhne. Später endete die Ehe der Tochter mit einer Scheidung. Das waren Ereignisse, die ganz viele Fragen aufwarfen, mit denen sie sich nicht so leicht zu Recht fanden. Am Anfang brachten diese neuen Erfahrungen durchaus Gesprächsstoff hervor. Doch dann verarbeitete jedes der Beiden diese Ereignisse auf seine eigene Art und Weise. Er wurde noch viel wortkarger und versank in eine gedankengeschwängerte Stummheit. Sie fand Trost auf dem Friedhof und besuchte fast jeden Tag das Grab des Sohnes.

Am vierten Adventssonntag erreicht das Friedenslicht, das in Bethlehem entzündet wurde und eine weite Reise hinter sich hat, per Schiff den Schiffssteg am Bürkliplatz in Zürich. Von dort wurde es weiter in viele Gemeinden hinausgetragen und brennt nun auch in der Dorfkirche.

Es ist der 24. Dezember, Heiligabend. Einen Tannenbaum gibt es bei dem alten Ehepaar schon seit vielen Jahren nicht mehr. Geschenke ebenfalls nicht. Man hat ja alles, was man braucht und wenn etwas nötig ist, kauft man es sich durchs Jahr hindurch. Wozu also noch Geschenke? Die stehen ja doch nur wieder in der Wohnung herum und wenn man stirbt oder ins Heim muss, wird sowieso alles weggeworfen - und überhaupt…!

Am Vormittag geht sie auf den Friedhof und dann auch noch in die Kirche. In einer kleinen Laterne trägt sie das Friedenslicht mit nach Hause und stellt es wortlos aufs Fensterbrett.

"Ich will mir noch ein wenig die Beine vertreten", sagt er am späteren Nachmittag zu ihr und verlässt das Haus. Sein Weg führt ihn in die Kirche, wo er verstohlen eine Kerze am Friedenslicht anzündet. Behutsam trägt er diese zurück. In der Stube stellt er die Kerze in einen alten Kerzenständer, der schon seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht wurde. "Schau! Heuer möchte ich Dir ein Geschenk zu Weihnachten geben", sagt er etwas verlegen. "Das Jahr hat uns gezeigt, dass wir nichts Dringenderes als ein kleines Licht brauchen, wenn die Dunkelheit sich über einem legt." Für einen Moment ringt er nach Worten, denn er sieht, wie sie sich schnell eine Träne aus den Augen wischt. "Ich schenke Dir das Friedenslicht zu Weihnachten. Möge es uns immer leuchten, wenn es dunkel wird." Stumm geht sie ans Fenster und holt die kleine Laterne. "Schau! Auch ich möchte Dir das Friedenslicht schenken. Ich habe es heute Morgen in der Kirche entfacht und für Dich mitgenommen."

Zwei alte Menschen umarmen sich stumm - nach vielen Jahren wieder einmal. Ihre Augen sind mit Tränen gefüllt.

Weihnachten!

Rosmarie Ziegler-Salzmann, 2011